Schlagwort: Kommunikationskarten

Ohne Worte: Kommunikationsprothese

Ohne Worte
Kunst- und Kommunikationsprojekt –
Gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst im Rahmen des Corona-Kulturpakets „Hessen kulturell neu eröffnen“

Kunst als Kommunikationsprothese im digitalen Raum?
Corona verändert unsere Kommunikation. Die Erfahrung der Pandemie hat die Mittel und Formen des sozialen Umgangs dramatisch verändert. Vorher selbstverständlich-unmittelbare Begegnungen wurden von Spielarten des distanzierten Sozialisierens überlagert: Die Infragestellung des Präsenzunterrichts an Schulen erfordert eine neue digitale Bildungs- und Lernkultur, der Blick in das private Wohnzimmer des Geschäftspartners wirkt plötzlich nicht mehr indiskret, Kindergeschrei im Hintergrund gehört (fast) zum guten Ton. Das Händeschütteln weicht dem Lächeln, das seinerseits durch Masken verdeckt wird – verzerrt im Kampf der Hygienedemonstranten um bürgerliche Rechte.
Ohne Worte lotet aus, welche Chancen die Mittel der Kunst und Gestaltung für unsere Kommunikation bieten – in Online- wie in Präsenzformaten, in Bildung und Business, mit und ohne Maske: Die Kommunikationskarten kombinieren Bild und Sprache und vermitteln zentrale Kernbotschaften gleichzeitig auf der Sach- und Gefühlsebene.
Das Projekt entstand unter dem Eindruck der Pandemie, hat sich aber in der Zusammenarbeit mit den bisher involvierten Künstlerinnen und Illustratorinnen darüber hinaus zum Dokument einer Zeitwende entwickelt. Neben einem Schulprojekt an der KGS Niederrad Frankfurt ist eine Ausstellung mit dem Museum für Kommunikation Frankfurt geplant.

Sprachlos
Ohne Worte startete während des Lockdowns mit der Frage, wie sich die Kommunikation gestalten lässt, wenn die Wahrnehmbarkeit von Mimik, Gestik, Gruppendynamik in Videokonferenzen schwindet. Die technischen Tücken der Systeme, die fehlende ganzheitlich Wahrnehmung der Gesprächspartner, die emotionale Verkürzung des Austauschs: Unsere Kommunikation verändert sich durch die Distanz, wir müssen uns gegenseitig neu lesen lernen, neue Spielregeln und Methoden – Kommunikationsprothesen im virtuellen Raum – entwickeln und anwenden.
Mit analogen Konferenzkarten können virtuelle Konferenzen moderiert und strukturiert werden, indem man die Karten in die Kamera hält. Die Karten eröffnen eine zusätzliche visuelle Gesprächsebene. Die Idee ist nicht neu, verfügbare Business-Karten haben jedoch i. d. R. ein gestalterisch geringes Niveau. Karten für den Online-Unterricht an Schulen gibt es bisher nicht. Ohne Worte greift das Werkzeug auf, hat sich aber in der Eigendynamik des Projektes davon gelöst und geht inzwischen darüber hinaus. Ohne Worte bildet essenzielle Signale und Kernbotschaften ab, die das Gespräch verschiedener Akteursgruppen (Profi, Schulen) prägen. In der Kombination aus Bild und Sprache entwickeln die Editionen im Spannungsfeld Anwendungsdesign bis Kunst eine jeweils eigene Dynamik:
So gestalten die Schülerinnen Ida Hübner (Grundschule) und Marie Herbert (Sekundarstufe + Profi) in selbstsprechenden, humorvollen, comic-haften Bilderwelten sehr anwendungsbezogene Editionen, Form und Inhalt entSPRECHEN jeweils der kommunizierenden Gruppe. Phyllis Kiehls Profi Edition sprengt die Grenze zwischen Illustration und Kunst mit ihrem persönlichen Ausdruck und einer emotionalen Ebene jenseits des Emoticons. Henrike Fiedler schließlich kondensieren aus dem Fundus der Konferenz-Botschaften einzelne Wahrnehmungen und Gefühle, die durch das veränderte Miteinander an die Oberfläche geschwemmt werden, und dokumentiert diese in sensiblen Zeichnungen abseits des Anwendungsbezugs.

Zukunft (er)finden!
Im Rahmen der weiteren Bearbeitung und mit Unterstützung des Projektstipendiums schauen wir noch einmal genauer hin, wie Kommunikation und Kunst ineinandergreifen.
Mit der Kooperativen Gesamtschule Niederrad in Frankfurt bearbeiten wir ein kunst- und kommunikationspädagogisches Schulprojekt als aktiven Beitrag zur Entwicklung und Implementierung neuer Kommunikationsformen. Darin wird die Kommunikation im Unterricht reflektiert: Welche Potenziale bietet Kommunikation, die ohne das gesprochene Wort auskommt – zur Schärfung der gegenseitigen Wahrnehmung, für eine ruhige Klassenatmosphäre oder zur Integration von Schüler*innen, denen das gesprochene Wort nicht selbstverständlich über die Lippen geht oder das Lippenlesen durch Masken verstellt ist? Ziel ist es, schuleigene Kommunikationsmedien zu entwickeln und gestalten.
Eine abschließende Ausstellung wird die gesamten Projektergebnisse und Produkte zusammenführen, um die Chancen von Kunst für den Wandel der Kommunikation aufzuzeigen. Neben einer Präsentation in den Räumen der KGS Niederrad sind hierfür das Museum für Kommunikation in Frankfurt und verschiedene Galerien im Gespräch.
Die entstanden Editionen werden als Postkarten sowie z. T. auch als hochwertige limitierte Kunstdrucke produziert und vermarktet. Das Projekt dient in diesem Sinne auch der Künstler*innen- und Talent-Förderung.